Auszeichnung für polternden Verdränger

09.08.2023

2002 erhielt Erinnerungsverächter Martin Walser in Waldshut-Tiengen 

den Alemannischen Literaturpreis

Wie jedem anderen Verstorbenen sei selbstverständlich auch dem Schriftsteller Walser die ewige Ruhe herzlich gewünscht, doch die teils völlig unkritischen Nachrufe werden seiner mehr als unrühmlichen Rolle bei der desaströsen Entwicklung der Erinnerungspolitik in der Berliner Republik in keiner Weise gerecht. Eine Erinnerung.

Als am 2. Juni 2002 im Kommunikationszentrum der Sparkasse Hochrhein der Alemannische Literaturpreis (mit Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro) an Martin Walser verliehen wurde, hätte der Zeitpunkt nicht ungünstiger sein können. Hohe Wogen schlug damals dessen angekündigte "Satire" auf den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, "Tod eines Kritikers". 

Wenige Tage zuvor, am 29. Mai, hatte Journalist Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (von Walser um Vorabdruck gebeten) die Reißleine gezogen. Walser parodiere den Shoah-Überlebenden Reich-Ranicki mit antisemitischen Stereotypen bis hin zu gehässigen Anspielungen auf dessen Überlebensgeschichte im Warschauer Ghetto. Der Überlinger Schriftsteller, dessen Tagebücher aus den 1970er Jahren schon damalige Gewaltfantasien gegen den Kritiker offenbaren, zeigte keine Einsicht, warf Schirrmacher gar im Gegenzug "Goebbelssche Praxis" vor. Die südbadische Presselandschaft (selbst in die Preisverleihung involviert) musste das Thema aufgreifen; am 31. Mai zitierte der Südkurier Schirrmachers Vorwürfe sowie Verleger Bernd Lunkewitz, der Walser vorwarf, einfach mittels gezielt provoziertem Eklat die Auflage steigern zu wollen. 

In Waldshut war man nervös – bereits am 21. Februar 2002 hatte sich die Jury auf Walser geeinigt, "aus Anlass seines 75. Geburtstags". Die Verleihung fand letztlich statt; einzelne kritische Stimmen waren nicht stark genug. Karl-Heinz Ott schilderte am Festabend in seiner Laudatio, wie der Zeitungsartikel Schirrmachers urplötzlich die Kulturszene aufgeschreckt habe. Ein Anrufer etwa, der ihm vorhielt, die ganze Jury müsse verrückt sein, solch einem Mann einen Preis zu verleihen, habe bei der Bekanntgabe drei Monate zuvor noch keinerlei derartige Gedanken gehabt; nach der nunmehrigen Artikellektüre aber sei er aus allen Wolken gefallen, "als habe er bis dahin von Martin Walser noch nie etwas gehört". 

Das verwundert in der Tat, denn Walsers hochproblematisches Verhältnis zur deutschen Zeitgeschichte war hinlänglich bekannt. Schon 1981 verteidigte er, sich selbst bevorzugt als "Heimatschriftsteller" ansehend, die "Willenshärte" des Schwarzwälder Freikorpsangehörigen Albert Leo Schlageter, dessen Andenken man doch nicht den Nazis überlassen könne. Walser gab sich stets als links, aber patriotisch, heimatverbunden. Die Trennung der "deutschen Nation" nahm er den Alliierten übel, überhaupt suchte er Schuld grundsätzlich bei anderen: das deutsche Volk sei mit dem Versailler Vertrag "gedemütigt und ausgeplündert" worden, durch "bürgerlich-feudale Cliquen der Siegermächte", denen sich eine ebensolche deutsche, internationalistische "Clique" angeschlossen hätte, schrieb er 1979 ("Händedruck mit Gespenstern"). Versailles die Schuld am Aufstieg Hitlers zu geben war ein typisches Entlastungsnarrativ rechter und rechtsextremer Kreise: die angeblich ungerechte Behandlung hätte das Volk überhaupt erst für den "Verführer" empfänglich gemacht. Und Deutsche sahen sich nach 1945 fast immer ausschließlich als verführte Opfer, konsequent die Augen vor der eigenen Schuld und Verantwortung verschließend. In der breiten Bevölkerung, wie auch Zeitzeugen bestätigen, war die Shoah just 1979 überhaupt erstmals ein größeres Thema, aufgrund der TV-Serie "Holocaust". Schon damals war sie Walser lästig, sollte "bewältigt" werden, damit "wir" uns "wieder nationalen Aufgaben zuwenden" können. In den 1990er Jahren erwies sich das Thema jedoch als alles andere als bewältigt, wie die Debatten um Daniel Goldhagens "Hitlers willige Vollstrecker" (1996) und die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" (1997) zeigten. Dass die ganze Wehrmacht "so generell kriminalisiert" würde, kritisierte Walser damals, und von Auschwitz habe man ja ohnehin nichts wissen können. Genau dieses Nichtwissen verklärte er zur Tugend; 1998, als er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekam, hielt Walser in der Frankfurter Paulskirche eine inzwischen berüchtigte Rede. Ausgerechnet sein späterer Kritiker Schirrmacher war der Laudator. Walser wollte die Deutschen als "ganz normales Volk" wie alle anderen betrachtet wissen. Den Weg zur Normalität jedoch würden die deutschen Medien und Intellektuellen, aber auch Interessierte von außen (womit neben den Siegermächten insbesondere Juden gemeint waren) versperren. Sie hielten den Deutschen ungerechterweise tagtäglich ihre "geschichtliche Last" und "Schande" (das Wort Schuld vermied er) vor, Walser sprach von Attacken (durch historische Wahrheiten), "allen Deutschen" solle schändlicherweise "wehgetan" werden. Dies diene in Wahrheit eigentlich "gegenwärtigen Zwecken" (eine typisch verschwörungstheoretische Unterstellung), die Geschichte würde lediglich "instrumentalisiert". Gegenüber den Deutschen fungiere der Verweis auf Auschwitz als "Einschüchterungsmittel", als "Moralkeule". Walsers radikales "Gegenmittel": das Erinnern an die Shoah solle sich künftig allein auf den privaten Raum beschränken, das "private Gewissen". Wer ohne persönliche Schuld war, habe insofern keinen Anlass, sich mit den "alten Geschichten" zu beschäftigen, so die Botschaft. Öffentliches Erinnern war Walser ein Ärgernis, das Holocaustmahnmal etwa bezeichnete er als "Monumentalisierung der Schande". Er wollte lieber, ausdrücklich als Deutscher, über "Schönes" reden, "Seelenfrieden" finden. 1.200 Zuhörer spendeten begeistert Applaus, nur Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentralrats der Juden, und seine Frau blieben sitzen. Bubis wertete Walsers Rede als Versuch, "Geschichte zu verdrängen" und die "Erinnerung auszulöschen". Die barsche Reaktion des Schriftstellers: "wir" sollten uns von "anderen" (hier: Juden) nicht "unser Gewissen" vorschreiben lassen. Walser sah sich durch "tausend Briefe", die er erhalten haben will, bestätigt: der einfache Deutsche sei den "Beschuldigtenzustand" leid, er wolle davon "erlöst" werden. Deutsche wurden bei ihm zu Opfern der Erinnerungspolitik, die ihm offenbar ein schlechteres Gefühl bescherte als es die Verbrechen des Nationalsozialismus taten. Kein Wunder: Bilder aus den Konzentrationslagern, die das Fernsehen angeblich permanent zeige, wollte er sich nach eigenem Bekunden gar nicht anschauen, er kritisierte auch die Berichterstattung über die rassistischen Pogrome durch Neonazis der 1990er Jahre. So etwas hatte in seinem Ideal einer "normalen" Nation keinen Platz. Walser, der einer Nazi-Familie entstammte, attackierte den Shoah-Überlebenden Bubis 1998 gar dafür, die Orte der Geschehnisse aufgesucht zu haben – als hätte jener dort nur "mal wieder" eine Gelegenheit gesucht, dem armen deutschen Volk Vorwürfe zu machen. Immer mehr verstieg sich der Autor in seine Täter-Opfer-Umkehr, NS-Verfolgten ihr vermeintlich hartherziges Mahnen und Erinnern vorzuwerfen.

Walser erntete damals viel Zustimmung in der Bevölkerung. Ende 1998 befürworteten einer Umfrage zufolge deutlich mehr Deutsche einen Schlussstrich unter die Vergangenheit als zuvor. Walsers regelmäßige Schelte gegen kosmopolitische Intellektuelle, die das einfache Volk verraten und an einem "gesunden Nationalbewusstsein" hindern würden, kann rückblickend als Dammbruch für den Populismus bewertet werden. Walser machte, nach Meinung vieler Kommentatoren, Denkweisen hoffähig, die vorher nur auf der extremen Rechten zu finden waren. 

Die Forderungen nach einem Schlussstrich unter die unrühmliche deutsche Vergangenheit wurden seither eher lauter als leiser. "Mit dem Thema muss endlich mal Schluss sein!", "Man sollte diese alten Geschichten doch vergessen" – solche wütenden Kommentare musste sich der Verfasser dieser Zeilen selbst anhören, als er 2017 erste Vorträge über Nazi-Täter in Waldshut-Tiengen organisierte. Walsers alte Sehnsucht nach intakter Heimat steht immernoch dem Streben nach Aufklärung und Warnung entgegen, wie heute auch an der vielfältigen Relativierung der Shoah (eine direkte Folge ihrer gezielten Verdrängung) zu sehen ist. 

Immerhin war 2002 nach der Verleihung des Literaturpreises an eine Berichterstattung, die den Skandal ausblendet, nicht zu denken. Im Südkurier erschien am 5. Juni ein verhalten kritischer Artikel, der sich zwar klar gegen ein Verbot des Buches ausspricht, ihm aber zumindest Geschmacklosigkeit attestiert, Walsers Umgang mit jüdischer Kritik problematisiert und seine Opferrolle in Frage stellt.

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Ingo Donnhauser - Historisches und Kritisches
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