Rezension: Jonah Goldberg - Suicide of the West (2018)

Rezension: Jonah Goldberg - Suicide of the West (2018)
Jonah Goldberg ist ein konservativer Kritiker Donald Trumps. Hinter dem Erfolg des ehemaligen US-Präsidenten sieht er einen Prinzipienverfall weiter Teile des amerikanischen Konservatismus, der sich dem linken Tribalismus der letzten Jahrzehnte zunehmend angleicht, obgleich er doch jene Kraft sein müsste, welcher die westliche Zivilisation (vom Trumpismus verraten) am meisten am Herzen liegt. Goldbergs Buch richtet sich insofern weniger an jene Kreise, die üblicherweise mit Tribalismus und "Identity Politics" in Verbindung gebracht werden, sondern an solche, die darauf ihrerseits mit denselben Mitteln bzw. "Instinkten" reagieren. Die offensichtliche Undankbarkeit vieler Amerikaner für das "Wunder" ihrer Zivilisation ist ihm Anlass, aufzurütteln, da der Untergang für ihn nicht beschlossene Sache ist ("Suicide of the West" ist nicht bloße Schimpferei, dass früher alles besser war), sondern die Zukunft in den Händen freier Menschen liegt, die sich nicht machtlos gleichsam Naturgewalten ergeben müssen. Man dürfe nur nicht aufhören, das Richtige zu sagen, es anderen zu vermitteln. Zwischen zwei "romantischen" Übeln hält er die Fahne "aufgeklärter" westlicher Ideale hoch.
Francis Fukuyama grundsätzlich zustimmend, dass die westliche Zivilisation der Endpunkt einer Geschichte ist (in dem Sinne, wie Calvin Coolidge erklärte, die Erklärung der Gleichheit aller Menschen und ihrer unveräußerlichen Rechte sei final, hier könne es keinen Fortschritt geben, nur Rückschritte), sieht Goldberg dessen Optimismus, es würde Jahrhunderte dauern, bis die Geschichte aufgrund der Langeweile der Akteure wieder von vorn losgehen könnte, als überholt an. So halte nur noch ein Drittel der amerikanischen "Millennials" Freiheits- und Bürgerrechte für unbedingt schützenswert, "free speech" sei an Universitäten bereits völlig verpönt, da sich potentiell immer jemand "angegriffen" fühlen könne, insbesondere als "Vertreter" einer "Minderheit". Der akademische Nachwuchs wisse so gut wie nichts mehr über die ideellen Grundlagen der Zivilisation, welcher er seinen Wohlstand und seine Chancen verdankt, nehme alles als selbstverständlich hin, interessiere sich auch nicht mehr für die Geschichte; Moral sei relativ geworden, das Gefühl bestimme, dabei insbesondere die Sehnsucht nach Aufgehen in einer Menge, die Suche nach eigener "Identität" in einem ewigen Spiel "wir gegen die". Seit den 1970er Jahren dominiere in der amerikanischen Populärkultur ein antizivilisatorischer Romantizismus, hinzu kämen vielgelesene antiamerikanische Schriften wie etwa Howard Zinns "People's History of the United States" (1980), welche das Stammesdenken weiter popularisierten und deren Thesen heute nahezu common sense bei der amerikanischen Linken seien.
Goldberg stellt diesen Realitäten das amerikanische Ideal gegenüber, welches gerade in der Überwindung einer Stammesgesellschaft bestehe, in welcher als "gut" lediglich gilt, was "gut" für den Stamm ist (in archaischen Zeiten gab es nur eine Institution, eben den Stamm). In den USA werde, im Gegensatz zu anderen Zeiten und anderen Weltgegenden, der Mensch als Individuum betrachtet und eben nicht als Repräsentant einer Gruppe - aus diesem Grund sei das Land stets für viele Einwanderer so attraktiv gewesen. Eine offene Gesellschaft ist für Goldberg dadurch gekennzeichnet, dass der Einzelne viele verschiedene Zugehörigkeiten haben kann (nicht nur zu einer Gruppe). Wichtig ist ihm dabei: je mehr gesellschaftliche Institutionen, desto mehr individuell ermöglichte Wege zum Glück. In den USA konnte jeder seinen eigenen Weg zum "Erfolg" finden, je nach eigenen Vorstellungen (was z.B. auch für die christliche Hausfrau gilt, die ihre Lebensaufgabe in der Erziehung glücklicher Kinder sieht). Und: nur der spezifisch westliche freie Markt (eine absolute Neuerung des 18. Jahrhunderts, während vorher massive Innovationsfeindlichkeit herrschte) erlaubt jedem den Ausstieg, wenn es mit dem "Glück" auf einem bestimmten Weg nichts wird (abgesehen von seiner Rolle als entscheidender Faktor zur weltweiten Überwindung von Armut).
Goldberg schildert das Werden des spezifisch westlichen Freiheitsethos als Zufall, die Entstehung friedlicher Ordnungen nicht als glorreichen Sieg der Vernunft in einem "Gesellschaftsvertrag", sondern als Ergebnis des Strebens sesshafter Banditen. Während sich die englische Gesellschaft der Frühen Neuzeit de facto auch nicht freiheitsliebender verhielt als andere, waren zugleich die Freiheitsideale (wie sie sich später in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung wiederfinden) im englischen Recht durchaus schon bekannt; die amerikanische Verfassung band dann den Staat, jene Freiheiten zu respektieren. Goldberg hebt die großen Unterschiede zwischen englischsprachigen und kontinentalen Autoren jener Epoche hervor, anhand der Beispiele Locke und Rousseau. Letzterer, der zugab, Menschen (als Individuen) nicht leiden zu können, war für Goldberg der erste "Romantiker"; er wollte von sämtlichen Errungenschaften "befreien", wieder Ahnungslosigkeit, Unschuld, Armut restaurieren. Sinn und Bedeutung sah er in der Nation: gegen universelle Regeln stellte er den "Willen" der Gruppe, in der per se kein Platz für Andersdenkende (also: "falsch" Denkende) war. Die romantische Aversion gegen die Zivilisation vermisst das angeblich "ganzheitliche" vormoderne Denken, hält die "gute, alte Zeit" für friedvoll und gerecht (Goldberg kritisiert diese unhistorische Ansicht auch z.B. bei amerikanischen Libertären). Goldberg zitiert dagegen ethnologische Forschungen, die "Naturvölkern" untereinander eine extrem hohe Gewalttätigkeit attestieren, erwähnt die Sklaverei in vorkolumbianischen Reichen oder auch im alten China. Falscher Romantizismus sei der Hintergrund, wenn Menschen heute wieder als "Gruppenrepräsentanten" betrachtet und bewertet werden; zwar begrüßt Goldberg ja grundsätzlich Zusammenschlüsse von Menschen, doch müsse der Einzelne immer das Recht zum Ausstieg haben, was beim Konstrukt ethnisch-identitärer "Communities" gerade nicht der Fall sei - keiner entkommt der Gruppe, die wieder zum "Stamm" geworden ist. Die "Identität" gilt als unveränderbare Kategorie, und wer der Gruppe angehöre, müsse sich auch "authentisch" verhalten, dem "Volksgeist" (im Sinne Herders oder Fichtes) gemäß, was auch eine bestimmte Kultur und politische Einstellung beinhalte (weshalb etwa Sarah Palin einst von linken Gegnerinnen gar das Frausein abgesprochen wurde - eine weitere scheinbar essentielle Gattung wie die "Ethnie"). Interessant sind Goldbergs Ausführungen, wie der amerikanische Progressismus historisch ganz unmittelbar von Deutschland her geprägt war; viele Protagonisten studierten in Bismarcks Preußen und sogen dort von Herder bis Hegel alles auf, was deutsche Ideologie so abstoßend macht. Richard T. Ely wiederum studierte in Heidelberg beim staatsverherrlichenden und antiuniversalistischen Katholikenhasser Karl Knies, wurde zum glühenden Antikapitalisten, Pro-Eugeniker und Anhänger eines durch wissenschaftliche Experten dirigierten Staates - und zum Lehrer Woodrow Wilsons, der wiederum im preußischen Etatismus ein ganz und gar vorbildliches Ideal sah. Gesellschaft war für den Präsidenten ein "lebendiger Organismus", der sich evolutionär entwickle, wo die Schnapsidee einer "lebendigen Verfassung" herrührt. Die Vorstellung natürlicher Rechte und Freiheiten erschient etwa beim progressiven Philosophen John Dewey als Illusion, der "Gemeinwille" gehe über alles. In der Demokratischen Partei wurden dann in den 1920er/30er Jahren auch offen "bessere Wege" nach europäischen Vorbildern gesucht; Goldberg verweist auf die bekannte Bewunderung des FDR-Beraters Rexford Guy Tugwell und anderer "New Deal"-Protagonisten für Mussolini, was er vergleicht mit der Chinaglorifizierung des heutigen NY Times-Kolumnisten Thomas Friedman, der sich im Westen ebenso "vernunftgeleitete Experten" an der Macht wünscht, welche mittels "Green Revolution" die Gesellschaft in eine goldene Zukunft führen, wozu Demokratie, Freie Rede und Freier Markt nur hinderlich seien.
Noch heute denken amerikanische "Progressive" ganz und gar europäisch; getrieben von romantischer Leidenschaft (nicht Intellekt), wünschen sie eine Restauration alter Stammesgesellschaften, schauen auf den Willen der jeweiligen Gruppe, nicht auf die Verfassung. Das Hochschätzen der letzteren kennzeichnet dagegen den US-Exzeptionalismus. Dass sich die verfassungsmäßigen Rechte mit der Zeit auf tatsächlich alle Menschen in den USA ausbreiteten, ist für Goldberg innere Logik, da mit dieser Verfassung auf Dauer das Zurückhalten von als allgemein bezeichneten Rechten für bestimmte Gruppen nicht aufrechtzuerhalten sei. So erkläre sich, dass es in den 1960er Jahren privilegierte weiße, christliche Männer waren, die diskriminierende Gesetze als verfassungswidrig aufhoben, und etwa der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King die "Founding Fathers" in höchsten Ehren hielt. Der heutige progressive Rassismusbegriff wird von Goldberg dementsprechend kritisiert, das Aufrechterhalten des Ideals der "Color-blindness" (bei allen nicht zu leugnenden Problemen) verteidigt, ebenso das des amerikanischen "melting pot", der freiwilligen Assimilation. Kapitalismus allein sei freilich keine Garantie für eine offene Gesellschaft, dafür brauche es sinnstiftende zivilgesellschaftliche Institutionen zwischen dem Einzelnen und dem Staat, insbesondere Familien (Eltern seien es in erster Linie, die aus Kindern zivilisierte Mitbürger machen). Goldberg ruft zu einer dementsprechenden Gesundung der Zivilgesellschaft auf, welche den Staat "weniger wichtig" machen würde. Jedoch seien derzeit Familien, Religionsgemeinschaften, Vereine usw. auf dem Rückzug, übrig blieben nur das suchende Individuum und sein Staat, wovon sowohl Etatist Obama wie der romantische Nationalist Trump (der auch viele Stimmen von ehemaligen Obama-Wählern, "Kapitalismusverlierern", erhielt) profitierten. Grundfalsch sind für Goldberg beispielsweise übereifrige staatliche "Antidiskriminierungs"-Maßnahmen, aufgrund welcher etwa katholische Adoptionsvermittlungen schließen mussten, da sie natürlich gemäß ihren eigenen (nicht den staatlichen) Moralvorstellungen die jeweils aufnehmenden Paare auswählten. Ein solches Vorgehen vergleicht Goldberg mit "Kulturimperialismus" gegen Christen; schlimm sei freilich, dass viele Weiße und Christen nun ihrerseits mit "tribal identity politics" reagierten.
Mit Sorge beobachtet Goldberg den wiedererstarkten illiberalen Nationalismus in Europa (etwa in Ungarn), den er von China und Russland her beeinflusst sieht (auch Trump sei ein Bewunderer Putins). Der amerikanische Konservatismus ergehe sich derweil in Prinzipienlosigkeit, sichtbar nicht nur daran, dass weiße Evangelikale vor Trump noch jene waren, die sich am wenigsten tolerant bei unmoralischem Verhalten bei Politikern gaben, während sie, Umfragen zufolge, heute die in der Hinsicht toleranteste gesellschaftliche Gruppe geworden sind; überhaupt sei "gut" für viele plötzlich einfach, was Trump gerade als seine aktuelle Position ausgibt. Vormals stand der US-Konservatismus für Ideen (natürliche Rechte, Verfassung, individuelle Freiheit, freier Markt...), heute verkommt er zum Populismus unter einem antiintellektuellen "charismatischen" Anführer, der z.B. (vollkommen unamerikanisch) gegen Freihandel und Einwanderung polemisiert; seinen Aufstieg deutet Goldberg als "feindliche Übernahme" der Republikanischen Partei.
"Suicide of the West" ist ein sehr zu empfehlendes Buch, das geradezu überquillt von treffenden ideengeschichtlichen Einsichten. Eine von Goldbergs Grundannahmen erscheint mir freilich zweifelhaft. Er legt viel Wert darauf, dass alles Gewalttätige, Unterdrückende, überhaupt Bösartige aus der "Natur" des Menschen stamme (so sei Völkermord in vorzivilisatorischer Zeit geradezu "Normalität" gewesen), weshalb die Zivilisation eben gleichsam als "Wunder" zu bezeichnen sei, als "unnatürlich", und daher so fragil, da die Natur stets danach strebe, sich zurückzuholen, was ihr genommen wurde. Hier ist sowohl ein grundprotestantisches Menschenbild festzustellen wie auch eine Überbewertung der globalen Rolle der (im anglophonen Kontext freilich bedeutsamen und höchst verdienstvollen) Philosophie britischer Frühaufklärer. Woher kommt das? Der erste Satz des Buches lautet: "There is no God in this book", und das bleibt nicht folgenlos. Dass nämlich der Einzelne seine Rechte von Natur aus hat (nicht von Staat oder "Gesellschaft"), ist natürlich keine Erfindung John Lockes. Goldberg erwähnt zwar die zivilisatorische Funktion der Prinzipien der Gottesfurcht und eines allgemeingültigen Gesetzes (nicht unsere Wünsche und Instinkte sind das, was letzten Ausschlag für unser Handeln geben sollte), doch dass es generell das Gottesvolk (des Alten wie Neuen Bundes) war, welches stets den Gedanken von der Würde jedes einzelnen Menschen hochhielt, kommt bei dem Bemühen um weltanschauliche Neutralität dann doch zu kurz (nichtmal die dementsprechenden Leistungen der spanischen Spätscholastik finden Erwähnung). Gegen Goldbergs These würde ich festhalten: nicht die menschliche Natur ist böse, sondern verwirrte Kulturen sind es. Die aggressive Unzufriedenheit mit der real vorgefundenen (zivilisierten) Welt ist nicht die "Natur", die sich zu Wort meldet, sondern durch und durch kulturelles Produkt der kontinentalen Aufklärung, die überhaupt erst die Fiktion einer idealen Welt geschaffen hat (Rousseau ist eben nicht einfach "der erste Romantiker", sondern durch und durch - europäischer - Aufklärer). Aus dem Verzicht auf eine "religiöse" Argumentation ergibt sich dann auch der übertrieben funktionalistische "Lösungsansatz", einfach irgendwelche Institutionen (solange sie "Ausstieg" ermöglichen und nicht staatlich sind) als Sinnstiftungsanstalten gestärkt sehen zu wollen. Man rede nicht um den heißen Brei herum: will man eine Stärkung der Idee universeller Menschenrechte, nützt einzig eine Stärkung jener Institution, die quasi das Patent auf ein universalistisches Menschenbild hat (solange sie solches nicht irgendwelchen "synodalen" Abwegen opfert). Goldberg zitiert an einer Stelle Max Weber, der den Katholiken, gleichsam in höheren Sphären schwebend, sicher nicht zu Unrecht unterstellte, einfach in Ruhe und Geborgenheit leben zu wollen, im Gegensatz zum ruhelosen, nach irdischen Erfolgen strebenden Protestanten. Zugleich charakterisiert Goldberg die derzeitige "progressive Ära" als eine vom Wunsch nach Halt und spiritueller Sinngebung geprägte - also: vom heimlichen Wunsch nach Wiederentdeckung des katholischen Glaubens? Würde sich die Kirche wieder ihrer Einheit, ihres eigenen kultur- und zivilisationsbildenden Charakters besinnen: hätte sie nicht die idealen Antworten für die Suchenden dieser Zeit, hin zu einer wahren, positiven Rückkehr zu ihrer "Natur", nämlich einer Natur als liebensfähige und geliebte, freie und einzigartige Abbilder Gottes?