Rezension: Edward Feser - Alles in Christus (2022)

25.11.2022

Rezension: Edward Feser - Alles in Christus. Eine katholische Kritik des Rassismus und der Kritischen Rassentheorie (2022)

Das neue Buch "All One in Christ" des thomistischen Philosophen und Publizisten Edward Feser liegt in einer deutschen Fassung vor, und der Untertitel "Eine katholische Kritik des Rassismus und der Kritischen Rassentheorie" machte mich natürlich neugierig. Leider erfüllt das kompakte Werk nicht so recht die (vielleicht auch in eine falsche Richtung gegangenen) Erwartungen. Feser beginnt mit einer Zusammenstellung von Lehramtstexten seit der Frühen Neuzeit (wobei ihm Klasse vor Masse geht), welche Hass zwischen Völkern, Rassendiskriminierung, Vergötzung der Rasse usw. verurteilen und hebt hervor, dass katholische Rassismuskritik tiefer geht als solche, die nur mit der Biologie argumentiert, da die Kirche dank ihrer Lehre von der (unmittelbar gottgeschaffenen) Seele einen eigenen, absoluten Begriff von Menschenwürde und allgemeinen Menschenrechten hat. So weit, so gut. Das Problem zeichnet sich jedoch schon in diesen ersten Kapiteln ab: Fesers Rassismusdefinition geht für meinen Geschmack nicht weit genug, da er es nicht schafft, sich komplett von dem Konstrukt "Rasse" an sich zu lösen. Rassismus ist für ihn, als Konservativen, lediglich das Verneinen gleicher Rechte für alle. Das Problem wird von ihm selbst noch unnötig verschärft, wenn er im (für sein Thema eigentlich völlig überflüssigen) dritten Kapitel konservative Einwanderungspolitik gegen Rassismusvorwürfe zu verteidigen versucht. Hier kann er sich nur auf Texte moderner (vom 2. Vatikanischen Konzil geprägter) Päpste berufen, die nichtmal lehramtlichen Charakter haben, um einen positiven Bezug auf die "Nation" zu rechtfertigen, ja das "Recht" der "Nationen", ihre "kulturelle Identität zu schützen". An dieser Stelle hätte man eigentlich aufhören können zu lesen, denn wie will der Autor unter solchen Voraussetzungen noch ernsthafte Kritik (über den Vorwurf der "Übertreibung" hinausgehend) an jenen üben, deren Hauptbeschäftigung in der Vergötzung eben von "Identitäten" besteht? Kritik an der critical race theory (CRT) kann m.E. nur funktionieren, wenn man sich vollkommen von wieder so populären Hirngespinsten wie "rassischer", "ethnischer", "nationaler" Identität löst, jeder Vergötzung von Kultur, jeglicher "Identitäts"-Suche entgegentritt. Feser referiert dann über die CRT, deren rassistischen Charakter er benennt (zu Recht, eine nichtrassistische "Rassentheorie" kann es nicht geben), aber nicht so recht greifbar macht, da er sich in dem Zusammenhang vornehmlich die politischen Folgerungen vornimmt, die sogenannte "antirassistische Diskriminierung". Wenn es um die theoretischen Grundlagen selbst geht, werden innere Widersprüche benannt, oft korrekt, jedoch hat man immer wieder das Gefühl, dass Feser ins Leere argumentiert, wenn er ausführt, dass aus logischen Gründen struktureller Rassismus oder rassistische Mikroaggression in diesem und jenem Fallbeispiel gesellschaftlicher Realitäten doch gar nicht vorliegen können - erstens ist es eine klassische Versuchung in scholastischen Denktraditionen, vor lauter Logik die Empirie zu vernachlässigen (so führte etwa auch die Mikrohistorie schon zu mancher notwenigen Korrektur voreiliger deduktiver Schlüsse in der Geschichtswissenschaft), abgesehen davon, dass Fesers Sicht auf sekundäre Rassismen sich an der einen oder anderen Stelle den Vorwurf der Ignoranz gefallen lassen muss. Zweitens ist für "kritische" Rassentheoretiker der moderne Kapitalismus, als Grundlage gesellschaftlicher Gegebenheiten, in toto ein Produkt "weißen Rassismus", so dass etwa Hinweise auf unterprivilegierte Weiße oder privilegierte Nichtweiße als irrelevant abgetan würden. Bei diesem Thema tappt Feser als Konservativer erneut in eine Falle: er legt viel Wert darauf, dass soziale Ungleichheiten oft "kulturelle" Ursachen haben. Sogenannte "statische Kulturen", worunter er etwa "traditionelle" afrikanische versteht, neigten einfach nicht zu Kapitalakkumulation und Konsumstreben (weshalb er viel Sympathie für sie äußert), woraus global wirtschaftliche Unterschiede resultierten. Nicht nur ist fraglich, ob solche Erklärungen mit heutigen Weltmarktrealitäten noch kompatibel sind (oder maximal noch als Wunschvorstellungen in bestimmten Sparten postkolonialen Antikapitalismus existieren), sondern vor allem, ob damit irgendetwas hinsichtlich der Verhaltensweisen von Minderheiten in (laut Feser) "progressiven" Gesellschaften wie den (laut CRT) "weiß dominierten" gesagt ist. Solche Argumente sind geradezu Wasser auf die Mühlen jener, die "weißer" Rassismuskritik reflexartig umso mehr mit Rassismusvorwürfen begegnen; vor dem Hintergrund seiner Liebe zu kultureller Identität kann aus Fesers Herleitung wirtschaftlicher Ungleichheit aus eben der Kultur geradezu ein Lob der Ungleichheit zwischen "Nationen" herausgelesen werden, das auch noch, ausgerechnet, mit der katholischen Ablehnung des Kulturrelativismus geradezu begründet wird (welche doch eher die gegenteiligen Schlüsse ziehen lassen sollte). Fesers Beharren auf dem Faktor "Kultur" erscheint auch deshalb so fruchtlos, weil er zugleich CRT-Vertretern, völlig zu Recht, deren Vermischen und Verwechseln von "Rasse" und "Kultur" zum Vorwurf macht - er selbst rassifiziert dann aber (sei es unbewusst) seine kulturellen "communities", begeht genau denselben Fehler. Eine sich über die "Rasse" definierende "community" existiert eben nicht von selbst (ebensowenig wie eine "Nation", die Feser als "natürliche Gesellschaft" begreift), sie wird gedacht. Und dass solcher Blödsinn gedacht wird, liegt in kulturellen Abwegen gerade innerhalb der westlichen Gesellschaften begründet - nicht in der angeblichen "Natur" irgendeiner Gesellschaft. Das Konzept der "Rasse" ist ein europäisches, es ist ein Produkt vorgeblich "aufklärerischer", antikatholischer Kultur, die Ablehnung verdient: einer Kultur um ihrer selbst willen. Eine "nichtweiße" Identität ist daher nichts anderes als eine Adaption "weißer" Irrwege. Hier hätte eine katholische CRT-Kritik ansetzen können. Die CRT sieht weißen Rassismus als Triebkraft des "Kolonialismus" an, was historisch schlicht unhaltbar ist; es wurden schon Weltreiche von Europa aus dominiert, lange bevor Menschen anfingen, sich als "Weiße" zu identifizieren. "Rasse" ist eben nichts Reales - sie ist eine dumme Idee, die nicht "schon immer" existiert, sondern in die Geistesgeschichte zerstörerischen Einzug hält (die Rollen von Humanismus, Protestantismus und Aufklärung sind in dem Zusammenhang zu beachten), als gerade der katholische Universalismus dabei war, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Das Rassismus-Verständnis der CRT ist also gerade nicht "übertrieben", sondern im Gegenteil in hohem Maße defizitär. Feser wirft ihr stattdessen ausgerechnet "radikalen Egalitarismus" vor (weil er sie unbedingt in marxistischer Tradition eingebettet sehen will, was Marx durchaus Unrecht tut), lehnt sie (unter Berufung auf Dokumente wie Rerum Novarum) als spalterisch, die gesellschaftliche Harmonie gefährdend ab, was im Grunde noch das geringste Problem ist. Seine Argumentation ist über weite Strecken einfach eine konservative, weniger eine spezifisch katholische. Er hat ja Recht, wenn er mit gebotener Entrüstung die Diskriminierung der von der CRT zum "Feind" Stilisierten anprangert, doch hätte man sich irgendwie eine tiefgründigere Widerrede gegen die Grundprämissen dieser Ideologie gewünscht. Denn Feser legt durchaus gut dar, wie die CRT die Welt explizit durch "rassische" Augen betrachten will, auf Gruppenrepräsentation abzielt und insbesondere Individualismus und liberale "Farbenblindheit" verteufelt. Der Blick auf den Zusammenhang zu den sehr weisen (eben nicht: weißen) theologischen Arbeiten der Spätscholastik zur menschlichen Natur, die in den ersten Kapiteln zitiert werden, wird ein wenig verstellt durch den Fokus auf die von "kritischen" Rassentheoretikern gewünschten Zwangsveränderungen der sozialen und wirtschaftlichen Strukturen; eine katholische Kritik sollte die berechtigte Verurteilung von totalitären Herrschaftspraktiken und politischer Diskriminierung m.E. unbedingt ergänzen um eine des Identitarismus, der nicht zuletzt die Anderen vom angeblich "weißen" Christentum abhalten soll. Ganz am Ende deutet Feser dieses Problem der Christentumsfeindlichkeit an, anhand eines Textes, der innerweltliche "Befreiungstheologie" gegen christliche "Erlösertheologie" ausspielt. Liest man kirchliche Lehramtsschreiben der letzten Jahre und erschaudert angesichts der Lobhudeleien auf "Heimat", "Verwurzelung", "Identität", "eigene" Länder und Kulturen etwa in Laudato Si oder Fratelli Tutti, der Missgunst gegenüber Universalismus und "Globalismus", wird klar, dass aus "progressiven" Kirchenkreisen keinerlei intellektuelle Widerstandskraft gegen den wiedererwachten Rassenwahn zu erwarten ist - umso gründlicher sollten dafür die konservativen sich von all solchem profanen Ballast befreien.

Fazit: katholischen Lesern, die mit CRT bislang nicht vertraut sind (was angesichts der von ihr ausgehenden Gefahr für alles, was wir Zivilisation nennen, schleunigst zu ändern wäre), mag das Büchlein einen Einstieg in die Thematik vermitteln. Dafür ist es gut geeignet. Kompetent auf dem Gebiet älterer katholischer Soziallehre, mangelt es ihm jedoch an Verständnis für dekonstruktivistischen Umgang mit Identitätskategorien, der m.E. Voraussetzung ist für eine Freilegung tatsächlich genuin "katholischer" Positionen aus dem Gerümpel eingestürzter westlicher Gedankengebäude der letzten 300 Jahre. Das wäre die Quelle wahrer, wünschenswerter Versöhnung wie Verbrüderung.

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Ingo Donnhauser - Historisches und Kritisches
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