Ein rechtsextremer Terrorist tötete am Hochrhein
Nicht nur von der RAF, auch von Neonazi-Gruppen ging Anfang der 1980er in Deutschland Anschlagsgefahr aus. Zwei Beamte in Koblenz wurden zufällige Opfer

Ausgangsversion für einen Artikel im Südkurier vom 22. August 2023
Im September 1980 hatte das Oktoberfestattentat mit 13 Toten und über 200 Verletzten der deutschen Öffentlichkeit schlagartig die Gefahr vor Augen geführt, die vom rechten Terrorismus ausging. An Heiligabend im selben Jahr wurde auch das beschauliche Rheinufer gegenüber Waldshut-Tiengen Schauplatz einer rechtsterroristischen Tat. Der Neonazi Frank Schubert (23) erschoss beim Versuch des Waffenschmuggels zwei schweizerische Beamte an der Grenze und richtete sich dann selbst.
Auf Vermittlung der Dokumentationsstelle Rechtsextremismus beim Landesarchiv Baden-Württemberg konnte der Verfasser einen früheren Komplizen Schuberts, den Ex-Neonazi und Szeneaussteiger Odfried Hepp, für ein Zeitzeugeninterview über die wenig bekannten Hintergründe einer Tat, die damals die ganze Region schockierte, gewinnen.
ID: Herr Hepp, nachdem Sie im Februar 1980 mit 21 Jahren aus der Karlsruher Untersuchungshaft wegen Volksverhetzung und ähnlicher Vergehen entlassen worden waren, lebten Sie für einige Wochen mit Frank Schubert im selben Haus. Wie kam es dazu?
OH: Wegen meiner damaligen Radikalisierung hatte ich ein gespanntes Verhältnis zu meinen Eltern und kehrte nicht zu ihnen nach Hause zurück, sondern bezog ein kleines Zimmer in Mainz beim Ehepaar Müller, deren Anwesen ein bekanntes Neonazizentrum war. Dort habe ich den Frank kennengelernt, er hat bei Müllers als Gärtnereigehilfe gearbeitet.
ID: Wurden Sie Freunde?
OH: Ich fand ihn interessant, er war von Ost-Berlin, über die Mauer geflüchtet, hatte eine imposante Erscheinung. Ein großer, stämmiger Kerl. Der Kontakt war aber nicht besonders eng, er war halt ein "Kamerad".
ID: Am 3. Juli 1980 überfielen Sie gemeinsam mit Schubert eine Bank in Bad Homburg, der Auftrag dazu kam vom Frankfurter Wolfgang Koch von der Neonazi-Organisation VSBD, zu dessen Terrorzelle Schubert gehörte. Was hat Sie dazu gebracht?
OH: Im Juni hatte ich Frank bei der IJzerbedevaart in Belgien getroffen, einem Aufmarsch von Nationalisten aus ganz Europa. Er erzählte mir von dem Plan, eine Bank zu überfallen. Ein Kamerad sei abgesprungen, ob ich wohl einspringen würde. Ich war zu der Zeit entschlossen, mit Karl-Heinz Hoffmann [Gründer der rechtsterroristischen "Wehrsportgruppe Hoffmann", ID] in den Libanon zu gehen, ein gewisser Geldbetrag wäre da sehr hilfreich gewesen. Wir rechtfertigten unsere Tat mit dem Spruch: das Geld des Volkes für die Sache des Volkes. Heute bin ich überzeugt: was wir Deutsche seit 1914 erlitten haben, war zum größten Teil selbstverschuldet, und nur aufgrund unserer Lektionen profitieren wir heute von hohen humanitären Standards – damals war Deutschland für uns einfach ein "besetztes, umerzogenes Land", und wir hätten jedes Recht, uns zu wehren. Am Ende erbeuteten wir 63.000 Mark, Schubert gab mir 15.000 ab.
ID: Was geschah mit dem Rest?
OH: Der sollte teilweise den Müllers zukommen für ihre Gerichtskosten. Da Frank Befehlsempfänger von Koch war, nehme ich an, dass der auch davon profitiert hat. Über dessen Anschlagspläne hat Frank nie mit mir gesprochen, wir kannten uns ja noch nicht lang. Ob er mich eingeweiht hätte, wenn ich nicht nach Beirut gegangen wäre, weiß ich nicht.
ID: Die Gruppe Koch hatte vor, hochrangige (insbesondere als USA- und israelfreundlich geltende) Politiker zu ermorden. Der als gewaltbereit und brutal bekannte Schubert scheiterte bereits im September 1980 mit einem Anschlagsversuch auf den hessischen Innenminister Ekkehard Gries (FDP). Sie waren zu der Zeit bereits im Libanon.
OH: Ich kannte den Hoffmann nicht gut, wusste nicht, ob sein Libanon-Projekt nicht vielleicht eine Falle war. Ich hatte mit Frank vereinbart: wenn er nichts mehr von uns hören würde, hätte er den Hoffmann unter Druck setzen sollen. Wenn aber alles gut lief, hätten er und andere auch nachkommen können.
ID: Gut lief es für Sie im Libanon nicht…
OH: Wir konnten da unsere Ideen nicht verwirklichen. Unsere Aufgabe war, für die PLO einen Fuhrpark für Transporte bereitzustellen. Mit drei "Kameraden" habe ich versucht, die Truppe wieder zu verlassen, da kamen wir für drei Monate ins Lagergefängnis. Die Hoffmann-Leute warfen uns vor, desertiert zu sein.
ID: Schubert aber konnte damals nichts für Sie tun – nachdem er im Oktober einen weiteren Banküberfall verübte, ging er in den Untergrund und versteckte sich wochenlang zeltend im Taunus und Odenwald. Er hatte nun aber genug Geld beisammen, um "saubere" Waffen für einen zweiten Anschlagversuch auf Gries zu beschaffen. Diese wollte er aus der Schweiz nach Deutschland schmuggeln.
OH: Hoffmann entschied im Dezember, uns wieder einzugliedern. Im Radio habe ich da unten dann die Nachricht von Franks Taten und seinem Tod gehört. Ich war völlig schockiert. Zwei Menschen und sich selbst umgebracht für irgendwelche Waffen… Ich betrachtete mich damals als Nationalrevolutionär und nicht als Mörder unschuldiger Menschen.
ID: Ein Schweizer Kontaktmann hatte die Waffen besorgt und wasserdicht in einem Aargauer See versteckt. Der sich verfolgt fühlende Schubert, der bereits auf dem Hinweg den Rhein schwimmend überquert hatte, während sein Komplize mit dem Auto legal die Grenze passierte, wurde auf dem Rückweg im Taucheranzug vom Grenzbeamten Josef Arnold an der Aaremündung bei Koblenz gestellt. Schubert erschoss ihn, ebenso wie kurz darauf den von Arnold zuvor noch herbeigerufenen Polizisten Walter Wehrli. Bei der anschließenden Verfolgungsjagd verletzte er zwei weitere Polizisten, bevor er sein eigenes Leben mit einem Kopfschuss beendete.
OH: Ich weiß, dass Frank panische Angst vor dem Gefängnis hatte und auf keinen Fall verhaftet werden wollte; vielleicht lag das an Erfahrungen in der DDR. Ich wurde dagegen später im Gefängnis endlich davon überzeugt, dass wir in einem Rechtsstaat leben – jeder bekommt von unserer Justiz eine Chance, wenn er ehrlich will.
ID: Sie sind aus der Szene ausgestiegen und heute, trotz aller Anfeindungen durch frühere "Kameraden", ein überzeugter Demokrat, der rechtsextremen Jugendlichen helfen will, ebenfalls auszusteigen. Über Ihre Geschichte, die ein mahnendes Beispiel darstellt, wurde bereits ein Dokumentarfilm gedreht. Was hat damals zu dieser Radikalisierung geführt?
OH: Mein Vater war bereits Nationalist und Mitglied der antichristlichen Deutschgläubigen Gemeinschaft, die das Christentum als "Totengräber des alten germanischen Glaubens" bekämpft hatte. Er legte aber Wert auf ein bürgerliches Dasein; ich ging zum "Bund Heimattreuer Jugend", wo nicht die "Hardcore-Neonazis" waren wie bei der Wiking-Jugend. Zum 14. Geburtstags schenkte er mir jedoch ein kriegsverherrlichendes Buch von einem bekannten Nazischriftsteller, das wurde sozusagen meine Ersatz-Bibel. Krieg nicht als notweniges Übel, sondern erstrebenswertes Ideal. Das trug zu meiner Radikalisierung bei. Ich bin dann 1977 in die Wiking-Jugend eingetreten, wurde in kürzester Zeit zum "Gauführer Schwaben". Jugendlichen wurde dort eine menschenverachtende Ideologie als vorbildlich dargestellt. Wir konsumierten alte Propagandafilme wie andere Jugendliche Rauschdrogen. Uns Radikalen schwebte eine HJ-/SA-mäßige Organisation vor. Schubert war dagegen bei der VSBD [die den bewaffneten Terror förderte, ID].
ID: Der rechte Terror verbreitete schon 1980 Angst und Schrecken, verursachte vor allem den Angehörigen seiner Opfer unsagbares Leid. Seit der NSU-Mordserie ist die Öffentlichkeit noch sensibler für die Gefahren. Ihr Nachlass befindet sich bereits im Generallandesarchiv Karlsruhe, darin ist etwa ein "Kreisführer Hochrhein" des Stahlhelm-Kampfbundes erwähnt. Waren zu Ihrer Zeit militante Neonazis auch in unserer Gegend aktiv?
OH: Daran kann ich mich nicht erinnern, ich selbst war nicht beim Stahlhelm. In Schönau nahm ich ab 1970, da war ich 12 Jahre alt, an der jährlichen Schlagetergedenkfeier teil, da war auch die Wiking-Jugend vertreten. Weiteres ist mir vom Südschwarzwald nicht bekannt.
ID: Wenn auch der Hochrhein zum Glück keine Hochburg rechtsextremistischer Aktivitäten ist: Aufklärung dürfte weiter wichtig bleiben. Vielen Dank, dass Sie dazu beitragen!