Nationalliberaler Blutdurst
Menschenverachtung in der Regionalzeitung "Alb-Bote" während des Ersten Weltkriegs

In Waldshut gab es zur Zeit des Ersten Weltkriegs zwei Tageszeitungen, nämlich den nationalliberalen und antiklerikalen Alb-Boten (AB; später selbstredend Nazi-Postille) sowie die katholisch-zentrumsnahe Neue Waldshuter Zeitung (NWZ). Beide waren selbstverständlich prodeutsch eingestellt (andernfalls wäre ein weiteres Erscheinen nicht mehr möglich gewesen) und berichteten nicht objektiv, und doch lohnt sich der Vergleich, wie jeweils über den Krieg geschrieben und die jeweilige Leserschaft "informiert" wurde. Nehmen wir gleich die vollkommen unterschiedliche Behandlung der ersten beiden Kriegswochen 1914 in den Blick (zitiert wird das dieser Stelle nur, was als eigene Meinung des jeweiligen Schreibers auszulegen ist, nicht Berichterstattung von Dritten oder bloße Zitate politischer Akteure).
Am 03.08.1914 druckte die (den Habsburgern stets wohlgesonnene) NWZ das Manifest "An meine Völker!" von Kaiser Franz Joseph ab, lobt dessen "ergreifende Sprache"; die Ansprachen von deutschem Kaiser und Reichskanzler werden hingegen ohne eigene Wertung zitiert, die Berichterstattung ist spürbar zurückhaltend.
Der AB dagegen betont am 04.08. unter der Überschrift "Der Kaiser spricht!" den gewaltigen Rückhalt der Bevölkerung: "viele Hunderttausende" hätten sich vor dem königlichen Schloss in Berlin versammelt, der Kaiser sei "von einem unbeschreiblich starken Jubel und von Hurrarufen begrüßt" worden, an seine Worte "schloß sich ein Jubel, wie er wohl noch niemals in Berlin erklungen ist" an. Auch der Bericht über Ansprache des Reichskanzlers betont die "stürmischen Ovationen", den "stürmische Jubel" der riesigen Menge. Ein erstes Kriegsgedicht ist abgedruckt ("Ein Lebewohl!"), in dem die "tapferen Brüder" zum "heißen" Kämpfen aufgefordert werden, "dass unser Land den Sieg erficht!", obwohl es uns natürlich sehr "um euer junges Leben" bange; aber "wenn es den Liebsten stolz und trotzig weiß" (nicht gerade die christlichsten Tugenden…) würde das schließlich "dem Weib auch Mut und Stärke geben!".
Am 05.08. wollte sich auch die NWZ nicht lumpen lassen und zitierte sogar den "Freiheitssänger Körner" mit dem dümmlichen Spruch "Frisch auf mein Volk die Flammenzeichen rauchen!", einen neuen Befreiungskrieg ("um die höchsten Güter der Menschheit, um Vaterland, Freiheit, Religion und Familie") gegen Frankreich heraufbeschwörend; weshalb durch Frankreich Freiheit, Religion und Familie in Gefahr seien, wird selbstredend nicht ausgeführt, jedenfalls herrsche dort die "Revancheidee für 1870/71" (dass der katholische Leser Rache negativ bewertet, wird offensichtlich vorausgesetzt), und Russland habe sowieso seit Jahren "einen Waffengang mit dem Deutschen Reiche und Oesterreich" vorbereitet und wolle Europa knechten und unterwerfen.Deutschland wehre sich also nur gegen die bösen anderen, kriegslüstern sei man nicht, "kein leerer Freudentaumel hat die Massen in den Städten ergriffen", nein, "ernst ziehen unsere Soldaten in den Krieg wie es die Natur des Deutschen mit sich bringt", aber jedenfalls: "Das Vaterland rief und alle kamen"."Auf daß sie bald heimkehren und wir die Siegerstirnen schmücken können mit dem deutschen Eichenkranz".Ein weiterer Artikel will die "hinterhältige Haltung" Frankreichs untermauern; während die braven deutschen Truppen die französische Grenze nicht überschritten, würden die Franzosen "ohne Kriegserklärung" Grenzposten angreifen und ihre Flieger sogar "unter Verletzung der belgischen Neutralität" (man bedenke: einen Tag zuvor war Deutschland in Belgien sogar einmarschiert!) in die Rheinprovinz gelangen und das Reich zur Gegenwehr zwingen. Ansonsten wird im Ton zurückhaltend und relativ sachlich berichtet, erste deutsche Erfolge vom östlichen Kriegsschauplatz gemeldet; ein Veteran von 1870/71 gibt Empfehlungen hinsichtlich soliden Schuhwerks.
Der AB vom selben sowie folgenden Tag setzt in Sachen Niedertracht des Gegners noch einen drauf und berichtet z.B. von einem "Zigeunerwagen" mit "80 Zentner[n] Sprengstoff aus Frankreich", der in Freudenstadt aufgegriffen worden sei. Serbische und russische Landstreicher (der Bürgerschreck par excellence) würden sich zu allem Überfluss als Deserteure ausgeben, sie werden natürlich "eingefangen, eingesperrt und über die Grenze gejagt, dorthin, von wannen sie gekommen". Da man seine Leser offenbar kennt, wird aufgefordert, ergriffene Spione nicht zu lynchen – erstens könnte es sich ja doch um Unschuldige handeln (sonst wär's anscheinend OK…), zweitens würde dann sicher (so die nationalliberale Projektion) an den Tausenden Deutschen im Feindesland Vergeltung geübt werden - "darum [!] seid menschlich". Die triumphierenden Meldungen von der Front sind reißerisch und primitiv ("Die Ostpreußen verhauen die Russen"). In Waldshut habe "die Begeisterung für unsere heilige [!] Sache, für das geliebte Vaterland" Jung und Alt "in hehrer Weise" ergriffen; "Gut und Blut zu opfern sind sie alle bereit und ohne Klagen". "Die Stirnen empor! Die Fahnen voran! Zum Walle auf an die Grenzen! Und reiten wir heim, so sollt ihr dann Mit deutschem Eichlaub uns kränzen!". Der Ton ist also wesentlich martialischer als in der NWZ. Entsprechende Gedichte gibt es im AB diesmal von Ahnenverehrer Ernst Moritz Arndt ("Gebet bei der Wehrhaftmachung"; die "Ahnen" würden vom Himmelssaale aus fröhlich auf den Jüngling mit dem "geschwindsten Tod" bringenden "Eisen" in den Händen schauen [Ahnen, die sich an Mord und Totschlag erfreuen, sind sicher in keinem "Himmelssaal" anzutreffen!] , welches "Deutschem Lande Ruhm und Segen" werden soll, "Schande" von Deutschland, welches "frei" bleiben soll, abwendend) und Pepi Matthes, einem extrem antiklerikal agitierenden Aschaffenburger Journalisten ("Mobilmachung": "im Volke ein Aufsteh'n mit den festen Willen zum Draufgeh'n"; "Abschied": "Hoch das Gesicht, wie's anno 70 war! Gewaltig tönt der wilde Schrei: Ihr deutschen Söhne eilt herbei, Die Heimat in Gefahr! […] Nun zeiget, daß wir Deutsche sind" – Wildheit sei also gut, "deutsch" sein bedeute: gewalttätig).
Am 07.08.1914 betont auch die NWZ die angebliche "volle Hingabe und Begeisterung" der Einberufenen, die aber auch "vom Ernst der Stunde durchdrungen" seien. Aus einem Hauensteinischen Dorf wird vom "Abschied der scheidenden Krieger" berichtet, wie "schwung- und kraftvolle patriotische Lieder" die Begeisterung geweckt hätten, ein Veteran von seinen "Erlebnissen" 1866 und 1870 [als er so schön für einen protestantischen Despoten die Waffe gegen katholische Glaubensbrüder erhob…] palaverte, und sogar der Ortsgeistliche die Scheidenden mit dümmlichem Gesülze aufmunterte: "Was unsere Väter im heißen Kampfe mit Blut Und Leben errungen [einen elenden Nationalstaat mehr auf der Landkarte..? Entgrenzte Katholikenverfolgung durch ein paar wildgewordene Preußen..?], das müßt ihr, Krieger, jetzt schützen und erhalten". Der von so viel Delirium wohl noch ganz berauschte Schreiber schließt mit dem frommen Wunsch "Gott schütze und schirme unsere Krieger, und führe sie wohlbehalten! in die Heimat zurück als Sieger!". Ein unerträglich kitschiges Schiller-Gedicht (gleichwohl im Vergleich zu dem AB-Schund gar nicht martialisches, eher wehmütiges) fügt er auch an, interessanterweise ausgerechnet (es geht schließlich gegen Frankreich) aus der "Jungfrau von Orleans" ("Lebt wohl, ihr Berge…", endend mit "Ich scheid – und wann wohl kehr ich wieder?"). Sodann wesentlich sachlicher als im AB gehalten: die Warnung vor "Spionen und Personen, die zur Ausführung verbrecherischer Anschläge bestimmt sind", weshalb man "Verdächtige, namentlich ausländisch Sprechende" Polizei oder Militär melden soll. Deutschland ist weiter die verfolgte Unschuld, selbst im offensichtlichen Unrecht: England, das "den Krieg gegen uns längst gewollt" habe, hätte mit der Verletzung der belgischen Neutralität durch Deutschland (die nicht weiter kommentiert wird) endlich einen "Vorwand" zum Kriegseintritt gefunden, aber in Deutschland sei "man" bereit, "auch mit John Bull volle Abrechnung zu halten". Deutschland würde sicher gewinnen, denn die deutsche Armee gehe mit mehr "Begeisterung" an die Sache: "Begeisterung wird nur erzeugt durch das Gefühl des Rechtes. Das Recht ist bei uns und unser der Sieg!". Der katholische Leser bedarf anscheinend der Versicherung, rechtlich sei all das schon in Ordnung (der AB-Leser hat da weniger Skrupel, my country right or wrong…). Gleichzeitig bringt die NWZ auch die Meldung, der Papst habe für die Katholiken aller Länder Kirchengebete angeordnet, um für den Frieden zu bitten. Und: ein Artikel widmet sich dem hundertsten Jahrestag der Wiederherstellung des Jesuitenordens (für Nichtkatholiken damals sowas wie die Armee des Leibhaftigen und Synonym für "Spaltung" und "Zersetzung" der schönen nationalen Einheit). "Wir Katholiken feiern den Tag mit gemischten Gefühlen, weil die Jesuiten unschuldig aus unserem Vaterlande verbannt sind"!
Was liest man derweil so im AB? Kraftmännisches Drohgehabe natürlich ("Was es bedeutet, unser Volksheer auf den Plan zu rufen, wird der Feind mit Entsetzen wahrnehmen"), pathostriefende Einheitsbeschwörungen ("Das Volk steht auf, Der Sturm bricht los! Wer legt die Hände noch feig in den Schoß? Keiner!") und ins Groteske abdriftende Überhöhung des Anliegens ("Das deutsche Heer zieht für unser Land in einer Sache hinaus, die fleckenloser und reiner ist, als das Licht der Sonne"). Die Bevölkerung ist nicht mehr nur begeistert vom Gemetzel, nein, sondern vom "perfiden Albion" und den "Bluthunden an der Newa" auch "in gerechten Zorn" versetzt, von "beispiellosem Grimm" erfüllt (über solche Hauptsünde freut man sich beim AB natürlich). Aus Mannheim wird die "ergreifende Szene" geschildert, wie irgendein zu den Fahnen eilender Fabrikboss Abschied von seinen Arbeitern nimmt [als würden diese dann auf dem Sofa herumlümmeln dürfen, während der selbstlose Herr Kapitalist sein hehres Selbstopfer vollzieht]. Ausrufungszeichenübersäte Lyrik gibt es selbstredend auch ("Den deutschen Müttern"): "Seid still, ihr deutschen Mütter! Seid stolz, ihr deutschen Mütter! Weint nicht, ihr deutschen Mütter, wenn euer Sohn euch fällt. Er fällt als deutscher Ritter, als deutscher Mann und Held! Es ist die höchste Ehre, die euer Sohn dort fand, er fällt im deutschen Heere fürs deutsche Vaterland!".
Am 08.08.1914 wurde es in der NWZ besonders andächtig. "In christlichem Geiste fleht diese Tage das ganze deutsche Volk zu Gott, unser geliebter Kaiser [spätestens jetzt hätte jeder denkende Katholik sein Abo kündigen müssen…] geht uns mit dem Beispiel voran". Das deutsche Volk sei ja so unendlich gläubig und gut: "Während unsere Feinde frevelhaft die heiligen Schranken der Gesittung in den Staub treten, fällt das deutsche Volk, bevor es die Waffen zieht, in die Knie. Es ist ein überwältigend hehrer Augenblick […]. Eine ganze Nation im Gebete vor dem bitteren Kampfe der Notwehr um Haus und Herd!". Ja, die überschlägt sich die Verzückung geradezu. Die Feinde sind dagegen "haßerfüllt", haben "das deutsche Volk überfallen, von friedlicher Arbeit wurde es gegen seinen Willen in den furchtbaren Kampf getrieben" (jaja, wir haben's ja langsam kapiert), doch es hat Glück: "ein herrlicher Kaiser steht an unserer Spitze, ein milder Friedenskaiser, der in überwältigender Langmut gegen feindliche Arglist das Recht der Völker zu wahren suchte und bis zum letzten Augenblicke den Frieden schützte". Es bleibt zu hoffen, dass der Schreiberling all das wenigstens selbst geglaubt hat. Alles nur Notwehr "um das Dasein unseres Volkes" und "für das heilige [!] Vaterland" (für solchen Schwachsinn gibt man natürlich gerne sein Leben…). Gott ist übrigens auch NWZ-Leser: "Schütze unsere tapferen Männer, unsere heißgeliebten Söhne und Brüder! Tröste unsere Frauen und Kinder, gib allen Kraft zum allerschwersten Kampfe, den das deutsche Volk je auf sich nehmen mußte".Ach ja, Luxemburg (neutral) wurde übrigens besetzt, aber das ist mit dem Reich "durch eine Reihe von Staatsverträgen" ja eh "innig verbunden und hat sich auch vielfach der Gesetzgebung des deutschen Reiches angeschlossen". Na dann passt das ja schon. Irgendwo muss man muss ja schließlich auch "in den heiligen [!] Krieg zum Schutze des bedrohten Vaterlandes" ziehen können.Eine weibliche Stimme kommt in der NWZ auch zu Wort: "wir wollen uns würdig zeigen unserer tapfern Männer, unserer begeisterten Söhne. Wir wollen ihnen den Abschied nicht noch erschweren durch unbeherrschten Jammer […]. Wie wird es das Herz des Hinausziehenden stärken und trösten, wenn er weiß: Meine tapfere Frau oder Mutter daheim faßt ihre durch den Krieg ihr auferlegte Last mit mutigen Händen an, und sie wird mit ihr fertig werden".Ein Vorbild kennt man auch, interessanterweise kein germanisches: "Sollten uns die alten Römerinnen beschämen, die stolz waren dem Vaterlande ihre Söhne zu opfern?". Immerhin wird hier der Schmerz überhaupt problematisiert, der Ton ist um Längen einfühlsamer als bei der nationalistischen Konkurrenz. Seitens der Kirche hielt sich die Kriegsbegeisterung offensichtlich vergleichsweise zurück: der Freiburger Erzbischof beschäftigte sich in einem Rundschreiben mit "den schweren Tagen, die über uns hereingebrochen sind" und ordnete u.a. an, an allen Sonn- und Feiertagen "bis zur Wiederherstellung des Friedens" eine Betstunde vor dem Allerheiligsten zu halten.
Der Leser des AB erfuhr am selben Tag unter anderem, warum "in allen Schichten des Volkes" eigentlich jeder so kriegsbegeistert ist: "der Trieb der Selbsterhaltung" und "das Gefühl der nationalen Ehre" hätten geboten, gegen die feindseligen Nachbarn aufzutreten und mit ihnen "gründlich abzurechnen". Trieb, Gefühl – alles klar. Bezeichnend, dass der AB das auch noch gut findet. Passend dazu das Gedicht "Wir wollen.": "Wir wollen in den Tagen […] nicht fragen: wie alles ward". Stimmt, könnte ja zum Nachdenken führen. Deutschland kämpfe halt "um sein Leben" und solle "nicht untergeh'n". Sehr gehaltvoll. Ein weiteres Gedicht ("Deutschland in Waffen!") stammt von einem "Ernst Heiter" (ha, ha…), der AB-typisch bald mehr Ausrufungszeichen als Buchstaben im Repertoire hat und ebenso einem personalisierten "Deutschland" reichlich menschliche Fähigkeiten zutraut: "Deutschland steh auf! Wieder flattern die Fahnen wie einst in wogender Völkerschlacht […] Deutschland schlag drein! Einig und stark! […] Wie die Väter geblutet, gelitten, bringen wir Opfer an Gut und an Blut!". Ach, und in Mannheim zieht es nicht nur das gestandene Kapital hin zur Schlachtbank, sogar Schüler würden sich schon freiwillig zum Dienst im Heer melden, soviel Kriegsbegeisterung herrsche, freut sich der Berichterstatter.
Propagandistisch bietet die NWZ am 10.08.1914 wenig Spannendes, "glühende, vaterländische Begeisterung" herrsche auch in den deutschen Kolonien, in Russland dagegen gehe keiner freiwillig zur Armee, man müsse dort mit Waffengewalt dahin gezwungen werden und so weiter.
Der AB betont mehr, was die Gegner für Luschen und Schlappschwänze seien – unter dem Titel "Die verrückten Franzosen" wird der französische Präsident dafür verspottet, der Stadt Lüttich das Kreuz der Ehrenlegion verliehen zu haben, obwohl jene doch mit "unvergleichlicher Bravour" von den Deutschen eingenommen wurde. Ein gefallener Franzose auf deutschem Gebiet sei erbärmlich ausgerüstet gewesen, betont wird die angeblich mitgeführte Schnapsflasche. Am Folgetag gab es, in blasphemieverdächtiger Anlehnung an den Dekalog, "Kriegsgebote" zu lesen, u.a.: "Du sollst über Politik und Krieg möglichst wenig reden, die Köpfe der Leute sind schon voll genug davon. Gedanken frei für die Arbeit! […] Verbiete jedem Schwätzer aufs Kräftigste den Mund!". Die obligatorische Lyrik wird immer gewaltverherrlichender, z.B. in "Die Reservisten-Flut" von E. Hoos: "Sie kommen mit Fäusten aus Eisen und dem eisernen Mut und dem treuen, dem braven, dem deutschen Blut […] der gewaltige Zorn, der redet nicht, Sie sollen Myriaden von Russen begraben nach blutiger Wehr". Der "Rassengedanke" tritt auch im Gedicht "Aufmarsch zum Kampf" eines Kadelburger Einwohners hervor: "Germanen sind wir, geübt mit dem Schwert […] Das ganze Volk wird vom Zorne entbrannt". Ein "gutes Zeugnis für den Humor unserer Soldaten" seien laut AB außerdem Kreidebotschaften an Zugwagons wie "Russen, Serben, alle müssen sterben", "Jeder Schuss – ein Russ". Ja, selten so gelacht.
Derartigen Dreck gibt es in der NWZ nie zu lesen; dort wird am 12.08.1914 wieder in epischer Breite versucht, den Waffengang rational zu rechtfertigen (womit man sich im AB gar nicht erst aufhält). "Auf die Neutralitätsverletzung Luxemburgs von Seite der Deutschen folgte diejenige Belgiens. So hart es gewiß den leitenden deutschen Männern ankam, sich auch über die Neutralität Belgiens hinwegzusetzen — es blieb ihnen keine andere Wahl und der Entschluß mußte rasch ausgeführt werden, wenn die belgische Flankenstellung uns nicht von Frankreich und England vorweggenommen werden sollte. Wenn die Deutschen nicht zuvor gekommen wären, wäre Belgien mit oder gegen seinen Willen ein Stützpunkt für die französisch-englische Kriegsführung geworden" – so wird artig doziert. In Frankreich sei schließlich "die Revanche-Idee […] seit 1871 zielbewußt genährt" worden (andererseits sei "zurzeit eine eigentliche Kriegsstimmung in Frankreich nicht vorhanden", wie wiederum beruhigend versichert wird – ja, was denn nun...?), und auch "Rußland wollte den Krieg", sei ja "nach Hunnen-Art in die ostpreußischen Lande" eingefallen (auf die Idee, dass man den deutschen Einfall nach Westen haargenauso deuten könnte, darf eine deutsche Zeitung natürlich nicht kommen). In jener NWZ-Ausgabe wird man nun auch mit einem stumpf-patriotischen Gedicht belästigt, dem bekannten (in unserer Zeit passenderweise von einem Neonazi-Barden vertonten) "Laß mich geh'n, Mutter" des "Arbeiterdichters" und Kesselschmieds Heinrich Lersch ("Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen" – ein Satz, so hohl wie ein Kessel, in der Tat). Zugleich wurde aber auch aus dem Hauensteinischen berichtet, dass Pfarreiangehörige in großer Zahl jeden Abend nach dem Angelusläuten den schmerzhaften Rosenkranz, die lauretanische Litanei und ein Gebet zum heiligen Joseph für die Soldaten beten, damit Gott ihnen "Gottvertrauen, Mut und Tapferkeit verleihen möge" und sie "nach beendetem Kriege wieder glücklich und gesund in ihre Heimat zurückkehren möchten"; der Schreiber empfiehlt dies auch anderen Pfarreien, da "man durch die Hilfe von Oben viel erreichen kann, indem vielleicht die Herzen der Könige und Fürsten eher wieder zum Frieden bewogen werden können".
Wie, Frieden? Wo es doch gerade erst so schön angefangen hat..? Dem AB käme solches Weicheiertum natürlich nicht in die Tüte. Der spottet derweil lieber über abgeschossene französischen Flieger ("Was kommt dort von der Höh'?") und wartet auf mit weiteren geistreichen Inschriften an Soldatenzügen (kam Vortags bei der primitiven Leserschaft anscheinend sehr gut an): "Immer feste drauf!"; "Parole: auf ihn, haut ihn!"; "Die Serben sind alle Verbrecher, ihr Land ist ein finsteres Loch, die Russen sind auch nicht viel besser, aber Keile kriegen sie doch!" (Kommentar: "das walte Gott."); "Jeder Tritt ein Britt, jeder Stoß ein Franzos". Diese menschenverachtenden Sprüche sind für den AB "soldatischer Humor" in "heiterer Tonart", man lobt den darin erkennbaren "entflammten Mannesmut" und das "kriegerische Draufloswollen" (die eigene Sprache des AB ist kaum weniger unbeholfen als die der zitierten Barbaren). Als Gedicht des Tages gibt es "Furor Teutonicus" von einem Herrn Hasenfratz aus Eggingen: "Auf, Teutonen, auf zum Sturm! […] Rhein und Weichsel färbt mit Blut! […] Furchtbar walt' in Schlachtgewittern deutsche Kraft und deutscher Mut! […] Jagt den Tod dem Feind entgegen […] Stampft zu Teig den welschen Wurm!".
Am 13.08.1914 macht die NWZ ihren Lesern wieder mal weis, dass der Feind bereits auf dem allerletzten Loch pfeife – ein französischer Gefangener in Müllheim habe bei seiner Einheit seit Tagen nichts mehr zu essen bekommen, und "Mitleid erweckte die Schuhbekleidung des Gefangenen. Es waren zerrissene Lackstiefel, so zierlicher Art, wie man sie bei uns auf dem Tanzboden trägt". Er fürchtete sich, von den Deutschen jetzt erschossen zu werden, aber "diese Furcht wurde ihm natürlich ausgeredet", stattdessen bekam er erstmal eine ordentliche Mahlzeit. Subtext: Deutsche sind auch Soldaten des Feindes gegenüber anständig und mitmenschlich.
Ganz anders (wie nicht anders erwartet) der AB vom selben Tag; der Feind ist hier nicht armselig, sondern schlicht feige (50 Russen seien angeblich vor drei deutschen Infanteristen geflohen), und das Gedicht "An die Hetzer!" schleudert den Franzosen entgegen: "Ihr habt den Krieg gewollt, nun habt ihr ihn! […] Und welch ein Krieg! Wie keiner je gewütet! […] Habt ihr zuerst den deutschen Zorn zu spüren, hat euch die deutsche Faust den Mund verpönt, mit der ihr allzeit flink wart Haß zu schüren, und geistreich deutsche Art und Kraft verhöhnt. Ihr habt's verdient!". Auch großdeutsche Sehnsüchte sind zu lesen, "Eine neue Hymne" beschwört die Einigkeit aller Deutschen im Reich sowie in Österreich, deren Bund sei "heilig", eine "neue, große Zeit" stehe bevor; vorher ist freilich noch was zu erledigen, erstmal nämlich die "heil'gen Fahnen" entrollen und mit "heil'gem Feuer" den Feind "wegfegen". Wer keine Heiligen verehrt, erklärt eben jeden Müll zu Heiligem.
Es wurde der 14.08.1914, und die NWZ verkündete mit Genugtuung, dass die Jesuiten vom Reichskanzler inzwischen zur Hilfsseelsorge zugelassen wurden. Ein von Lokalkolorit triefender Bericht aus dem Hauensteinischen schildert eine Szene, wie der "Seppel" der Familie aus der Zeitung vorliest und erleichtert feststellt: "D' Franzosen chömmen nit ins Land! Unsere kräftigen Hotzen verklopfen den Franzosen ihre roten Hosen". Und das "alte Mütterlein" legt mit der Bitte "Gott schütze den Hans und den FriedIe und führe sie gesund wieder heim" die Zeitung wieder beiseite. Sich gegen drohenden Einmarsch eines Feindes wehren, auf schnellen Frieden und heilbeinige Wiederkehr hoffen. Aus Erzingen ein weiteres "Stimmungsbild": bei allem Schmerz ist man hoffnungsfroh, "die Einberufenen […] als Sieger recht bald wiederzusehn"; sie hätten fast ausnahmslos "vor ihrer Abreise den Tisch des Herrn in unserem Gotteshause aufgesucht und sich auch nach dieser Seite hin gewappnet. Ein Heer solch braver Männerherzen ist die Garantie unser Zukunft, es muß Sieger sein".
Auch der AB nimmt sich des Themas Zeitung im Krieg an und rühmt sich ernsthaft auch noch der eigenen Propaganda, mit "vaterländischem Eifer" wolle man schließlich nicht hinter dem restlichen Volk zurückzustehen und dem Vaterland dienen wie jene "Volksgenossen, die mit der Waffe in der Hand unseren geliebten deutschen Boden schützen, für deutsches Recht, deutsche Ehre, deutsche Freiheit". Beruhigung ist noch keineswegs angebracht, das Gedicht "Deutsch und furchtlos" von Adolf Ey beschwört bedrohliche Szenarien herauf (der "grimme Bär" im Osten komme immer näher "an unsres Hauses Schranken", um es zum Einsturz zu bringen, im Westen erhebe der Hahn sein Kriegsgeschmetter), da hilft natürlich kein Beten, nur rohes Draufgängertum: "Sie sollen uns kennen lernen […] Und hauen wir sie in Stücke, dann segnet der Himmel die Tat […] Sie wollten die Welt umketten mit teuflischem Geflecht […] Sie wollten die Welt verpesten, wir fegen sie wieder rein […] Für Deutschland, das herrliche, freie, den letzten Atemzug!" (hier bekommt das Szenario noch unterschwellig antisemitische Tupfer, im Gedicht "An Deutschlands Kämpfer"). Dramatisch geschildert wird, wie der gefallene Dogerner Gefreite Alfons Tröndle in Rixheim "hinterlistigerweise von den Franzosen überfallen" wurde; statt Trauer gibt es Beschuldigungen und Rachefantasien: "Schuld an dem Ueberfall sind die feigen Einwohner (deutsche Französlinge) in Rixheim, die ihr Schicksal nun wohl ereilen wird".
Mariä Himmelfahrt 1914. Zunächst die gute Nachricht: der Tod Tröndles wird in der NWZ wohltuend anders behandelt als im AB. Bei den Kämpfen um Mühlhausen wurde er "aus dem Hinterhalt von Franzosen schwer verwundet", ist an den Folgen der Verletzungen "inzwischen gestorben und in elsässischer Erde bestattet worden". Man erfährt Details zur Person ("wird uns als ein ruhiger, pflichtgetreuer und solider Charakter geschildert"), jegliche Gegnerbeschimpfung unterbleibt, dafür wird die allgemeine Anteilnahme erwähnt, die den Hinterbliebenen zukommt. In einem weiteren Artikel betont die NWZ: "Es liegt keinerlei Anlaß vor, gegen die Neutralität Italiens Mißtrauen oder Unzufriedenheit zu hegen". Sich herauszuhalten ist also gutes Recht. Und wieder wird die "Rücksicht, die gegenüber den im Deutschen Reiche zurückgebliebenen Russen und Franzosen geübt wird", positiv vermerkt. "In den bayerischen Bergen lebt eine Anzahl Russen, denen es gar nicht einfiel, das Deutsche Reich nach der Kriegserklärung zu verlassen […]. Sie fühlen sich, wie sie ganz ruhig sagen, im Deutschen Reiche sicherer als in Rußland". Leider gibt es ausgerechnet am höchsten Marienfest auch den wohl bislang dümmsten NWZ-Artikel zu lesen, dessen unbeholfene Sarkasmusversuche eher an das Niveau des Konkurrenzblatts erinnern. Englands Rolle im Kampf gegen deutsche Barbarei wird hilflos verspottet, es gehe England doch nur darum, alle Welt "mit seinem Joche zu beglücken" (der Schreiber führt gar, entgegen der üblichen NWZ-Linie, Rom als Negativbeispiel an; wie sehr dieser Artikel ein Fremdkörper ist, zeigt bereits, dass in derselben Ausgabe Rom wieder als Vorbild erscheint, in Gestalt von Cornelius Scipio, dessen "Heldengröße" Rom gegen Karthago gerettet habe), die "hochedlen Lords" seien in Wahrheit rein eigennützig, Völkerglück und Völkerfreiheit liege ihnen entgegen anderslautenden Bekundens fern ("Muß der arme ehrliche Engländer nicht die Batterien von Gibraltar im Stand erhalten und dort einzig nur wachen, damit die Mauren — zwar schon seit Jahrhunderten tot — nicht wieder Spanien erobern! Muß er nicht auf Malta das Kreuz der Malteser verteidigen?" usw.); Irland werde "unmenschlich" und "grausam" behandelt, "Wie oft stieg der Verzweiflungsschrei der hungersterbenden Kinder Irlands zum Himmel! Lord Bull hatte anderes zu tun, er mußte aller Welt seine gesegnete Rechtschaffenheit bringen. Indien, Aegypten, Nordamerika, Südafrika, sie alle wissen zu erzählen von Englands Opferwilligkeit. Was ist des Briten Vaterland? Die ganze Welt, wo es etwas zu holen gibt". Am Ende gar der Wunsch: "Hoffentlich aber zeigt ihm diesmal der deutsche Michel, daß er die Gänse konfessioneller [!] und parteilicher Zwietracht nicht mehr länger hütet und füttert zur Freude Albions, sondern deutsche Hiebe austeilt, sodaß England auf 100 Jahre genug davon hat".Und wenn schon der borussophile AB mit großdeutscher Lyrik aufwartet, lässt man sich diesbezüglich natürlich auch nicht lumpen: der "Gruß an Deutschland" eines Wieners beschwört schon die erneute Vereinigung von "Rhein und Donau", dabei erneut betonend, man sei im Recht, die anderen würden nur "das Recht des Mords verfechten".
Dem AB konnte man am 15.08.1914 wieder mal entnehmen, wie feige und/oder korrupt sämtliche deutschen Gegner (die von Niederlage zu Niederlage eilen) doch sind, dass Finnland "auf das Volk Luthers" warte, um der "Unterdrückung" durch den "Zarismus" zu entkommen, und gleich vier Gedichte zeigen, auf welchem Niveau das Blatt mittlerweile angekommen ist: "Nehmt die Flegel fest zur Hand und drescht mit deutschem Grimme, es geht ums deutsche Vaterland" (Rinckleben, "Nun wollen wir sie verdreschen"); "Heisa! Wir streuen Verderben! Drauf auf die hinterlistige Brut, färbt ihren Boden mit ihrem Blut, das gibt Dung für die Erben! […] noch in das achte und zehnte Glied soll unser furchtbares Rachelied euch in den Ohren gellen! (Dr. Opfermann, "Fahnen hoch!"); "Und trotzdem geh ich fröhlich fort, und schrei nach Rache, sinn auf Mord, den Schuften geb ich ihren Lohn […] Lebt wohl, auf Wiederseh'n – wenn nicht, dann steh' ich halt vor'm Weltgericht. Sorgt für mein Weib, sorgt für mein Kind, die meines Lebens Sterne sind, dir Sonne aber: Vaterland, dir weih ich mich mit Herz und Hand!" (P.M., "Landwehrlied"); "Heute da fiel es drei Strolchen ein, unsern Michel zu verbläu'n. […] Dem Linken zerschlug er den Schädel […] Dem Rechten hieb er ein Auge aus […] Deutscher Michel! Hau' zu! Hau' zu!" ("Michel").
Am 17.08.1914 rief der AB unter dem Titel "Fort mit der Französelei" zur Sprachreinigung auf: "Fort mit den entliehenen fremden Fetzen in unserer schönen Sprache …. Wir wollen rein deutsch sein und bleiben"; die NWZ beklagt derweil die "giftigen Früchte" der "Nationalitätenfeindschaft", konkret freilich den "Volkshaß" in Frankreich gegenüber Deutschen meinend, doch dürfte jeder halbwegs mündige Leser verstehen, dass dies umgekehrt genauso gilt. Ein bemerkenswerter Artikel fand sich an diesem Tag noch in der NWZ, mit dem diese Presseschau enden soll. Es ging um einen Bittgottesdienst im Dom zu Speyer, "dem eine ungeheure Menschenmenge beiwohnte". Bischof Faulhaber hielt dabei "eine einzigartige Predigt", bei der er sagte: "Die Zeit des Krieges sei keine Zeit des Hasses". Er lobte die "heldenhafte Nächstenliebe" des Roten Kreuzes und "forderte die Soldaten auf, auch im Feindesland Träger der nationalen Ehre zu sein, fremdes Eigentum zu schützen und die Frauenehre hochzuhalten". Bei allem patriotischen Geschwätz zeigt sich hier am markantesten der Unterschied zwischen der katholischen und der nationalliberalen Sicht auf den Krieg.
Nationalliberalismus, die Ideologie der "nationalen Befreiung", ist der Abschaum unter den bösen Gedanken. Er führt, ist er einmal enthemmt, direkt und ohne Umwege (auch zahllose Biographien belegen dies ganz konkret) in den Nationalsozialismus. Er verdirbt die Menschen, macht sie böse, er entstellt die Seelen und saugt alles, was an den gütigen Schöpfer erinnerte, aus ihnen heraus. Ich schreibe dies ohne jede Ironie: er führt die Menschen in die Hölle, liefert sie Dämonen aus. Er ist zutiefst verabscheuenswert, nicht nur in seiner historischen Form.
Katholiken, die heute mit politischen Strömungen liebäugeln, die in dieser Tradition stehen, sollten sich die Zitate in diesem Text gut durchlesen und sich gründlich abstoßen lassen von der Deutschtümelei der erklärten Katholikenfeinde des AB. Man lerne aber auch von den Fehlern der NWZ. Ja, die NWZ hebt sich von dem ungenierten Menschenhass des AB wohltuend ab, und nein, niemand erwartet im Krieg, Feindpropaganda oder auch nur Relativierung der eigenen Regierungsposition zu lesen. Trotzdem erschienen auch dort einige Artikel, die mehr als das Minimum an Propaganda lieferten und euphorisch dem nationalistischen "Zeitgeist" zusprachen – besonders, wenn man, innerkirchlich offensichtlich auf der "progressiven" Seite, die "konfessionelle Zwietracht" (siehe Artikel am 15.08.1914) satt hatte. Dies sei Katholiken eine Mahnung: man halte sich vollständig rein, lasse verderbliche Ideologie in sich keinerlei Raum gewinnen. Hass und Dummheit sind ansteckend. Das unsinnige Konstrukt der "Nation" hat die "progressive" Richtung in der Kirche seit langem bereits auf Abwege, weit vom "schmalen Tor" (Mt 7) entfernt, geführt – mögen die Konservativen vor solcher Schande weiterhin bewahrt bleiben.