Die Rolle Tiengens im Waldshuter Krieg
aus: Die Geschichte der Waldshuter Chilbi 1468-2018

Da das 550jährige Chilbi-Jubiläum nicht mehr in der Stadt Waldshut, sondern in der Stadt Waldshut-Tiengen begangen wird, lohnt sich ein kurzer Blick in die alte Klettgauhauptstadt. Wie stand es eigentlich um Tiengen im Jahr 1468? In der ortsgeschichtlichen Literatur[1] wurde bislang die Ansicht vertreten, Tiengen sei erst in jenem Jahr, im Zuge des Waldshuter Krieges, an die Reichsstadt Schaffhausen gefallen (bis 1476). Neuere Forschungen stellen diese These in Frage.
Tiengen gehörte seit dem 13. Jahrhundert zum Hochstift Konstanz. Der Fürstbischof belehnte jedoch meist Vasallen mit Besitz und Rechten, so seit den 1440er Jahren den Ritter Bilgeri von Heudorf, jener später in habsburgischen Diensten stehend und eine langjährige Fehde gegen Schaffhausen führend[2]. 1456 gab Bilgeri Tiengen wieder an den Fürstbischof zurück, unter Vorbehalt diverser Nutzungen und Einkünfte. Die tatsächlichen Besitzverhältnisse in den nächsten Jahren sind ebenso uneindeutig wie das Verhältnis zwischen dem stets auf Vermittlung und Ausgleich bedachten Kirchenmann und dem streitlustigen Ritter[3]. Auf der Tiengener Burg wird Bilgeri, inzwischen habsburgischer Vogt in Laufenburg und später "aus der unmittelbaren Nachbarschaft der Eidgenossen entfernt"[4], seither sicher kaum gewesen sein. Konstanz seinerseits hatte 1458 ein Bündnis mit Schaffhausen geschlossen, das schon länger Interesse an Tiengen zeigte[5].
Tiengen wurde offensichtlich im Zuge der Streitigkeiten zwischen Bilgeri und Schaffhausen von der Reichsstadt eingenommen. Dies geschah jedoch nicht erst 1468, sondern bereits knapp drei Jahre zuvor: am Mittwoch vor Allerheiligen 1465. Zahlreiche Quellen im Staats- sowie im Stadtarchiv Schaffhausen belegen dies; neben Korrespondenzen, die ausdrücklich von 11 Jahren Schaffhausischer Herrschaft in Tiengen bis 1476 sprechen, auch die Stadtrechnungen ab 1466. Es ist von einem eigenen (vom Rat in Schaffhausen bestellten) Vogt die Rede, der in Tiengen seither für die Reichsstadt die Einkünfte einzog[6].
Die Einnahme durch Schaffhausen dürfte sowohl unter Duldung des Fürstbischofs als auch mit Zustimmung der Einwohnerschaft geschehen sein. Dass man in Tiengen wenig glücklich darüber war, in die ständigen Händel des Ritters hineingezogen zu sein, ist naheliegend - ähnliche Gründe bedingten schon 1415 die vehemente Ablehnung eines Herrschaftsantritts des nicht minder streitlustigen Reinhold von Urslingen. Der Waldshuter Friede legte fest, dass unklare Ansprüche bis Mariä Lichtmess 1469 gütlich zu regeln seien, ansonsten solle der status quo gelten[7]. Unklar war im Falle Tiengens aber lediglich, ob der Ort weiterhin bei Schaffhausen verbleibt oder sogar direkt an die Eidgenossenschaft fällt[8]. Am Ende holte sich Schaffhausen von Schultheiß und Räten in Tiengen, welches als "den Eidgenossen befreundet geworden"[9] beschrieben wird, die Huldigung ein, jedoch "unter Vorbehalt der Rechte des Bischofs"; jener setzte Bilgeri trotz Beschwerden nicht wieder in seinen Pfandbesitz ein[10]. Am Montag nach Mariä Lichtmess schlossen die Eidgenossen ein Bündnis mit Fürstbischof Hermann von Konstanz, in dem unter anderem festgelegt wurde, dass im Stiftsgebiet (wozu Tiengen gehörte) niemandem gestattet sein solle, den Eidgenossen oder ihren Verbündeten Schaden zuzufügen[11]. Während der nächsten Jahre ließ sich "zahlreicher Adel" in Tiengen nieder, der Stadt schien es unter der Herrschaft Schaffhausens sehr gut zu ergehen[12]. Bereits Hansjakob war überzeugt, dass Tiengen bereitwillig zu Schaffhausen kam und auch eine Bindung an die Eidgenossenschaft aufgrund der zu erwartenden größeren Freiheiten befürwortete[13]. Das Wort "Besatzung", das in den Quellen auftaucht, meint nicht zwangsläufig etwas Feindliches oder "Unterdrückendes", sondern ist ein neutraler militärischer Begriff (praesidium), der ebensogut eine Schutzfunktion ausdrücken kann - die zeitgenössische Berner Chronik spricht im selben Zusammenhang beispielsweise auch davon, dass die Eidgenossen 1468 ebenso Schaffhausen selbst "besatzten"[14]. Ab Juli diente Tiengen jedenfalls einer eidgenössischen Besatzung als Stützpunkt. Es handelte sich bereits (wegen der faktischen Zugehörigkeit Tiengens zu Schaffhausen) um Verbündete, nicht um Feinde.
1476, noch zu Lebzeiten Bilgeris, wurde die Rückgabe Tiengens an Konstanz vereinbart. Tiengen huldigte "nach Anweisung von Schaffhausen" wieder dem Fürstbischof[15]. Es war gerade die Zeit des Konstanzer Bistumsstreites, bei welchem der Kandidat des Domkapitels, der spätere Bischof Otto von Sonnenberg, vom Kaiser bereits mit den weltlichen Regalien ausgestattet war und auch von den Eidgenossen unterstützt wurde[16]. Von den zwischen 1465 und 1476 aus Tiengen bezogenen Einkünften musste Schaffhausen ausdrücklich nichts nach Konstanz entrichten[17].
[1] Hans Brandeck: Geschichte der Stadt Tiengen, Tiengen 1936, S. 62f.; Emil Müller: Bilgeri von Heudorf und sein Kampf gegen Schaffhausen, in: Franz Schmidt (Hg.): Der Klettgau, Tiengen 1971, S. 135-157, hier: S. 152f.;Heinz Voellner: Tiengen. Bild einer alten Stadt, Waldshut-Tiengen 1987, S. 220.
[2] Zum Konflikt Schaffhausens mit Bilgeri von Heudorf vgl. den Beitrag von Christian Ruch in diesem Band.
[3] Erfolglos versuchte der Fürstbischof etwa 1467, Bilgeri dazu zu bewegen, das erpresste Lösegeld an den Bürgermeister von Schaffhausen zurückzuzahlen.
[4] Georg von Wyß: ADB Band 13 (1881), S. 502-506, s.v. Bilgeri von Heudorf, hier: S. 504.
[5] Bilgeri hatte Schaffhauser Stadtadel (die Brüder Fulach) bereits in den 1450er Jahren beschuldigt, "mit ettlichen andern" aus Schaffhausen ihm "sein Sloß vnd Statt Tuengen" abnehmen zu wollen, Urkunde vom 26. Februar 1457, Staatsarchiv Schaffhausen, Urk. 1/2386.
[6] Oliver Landolt: Der Finanzhaushalt der Stadt Schaffhausen im Spätmittelalter, Ostfildern 2004, S. 274.
[7] Staatsarchiv Zürich, C I 1520.
[8] Johann Rudolf Iselin (Hg.): Aegidii Tschudii Chronicon Helveticum, Band 2, Basel 1736, S. 695ff.
[9] Eduard im Thurn / Hans Wilhelm Harder: Chronik der Stadt Schaffhausen, Schaffhausen 1844, S. 60.
[10] Wyß: Bilgeri, S. 504
[11] Iselin: Chronicon, S. 701.
[12] im Thurn / Harder: Chronik, S. 60.
[13] Heinrich Hansjakob: Der Waldshuter Krieg vom Jahre 1468, Waldshut 1868, S. 32.
[14] Gustav Tobler (Hg.): Die Berner Chronik des Diebold Schilling, Erster Band, Bern 1897, S. 31.
[15] Wyß: Bilgeri, S. 506.
[16] Erzherzog Siegmund von Österreich ergriff dagegen für den vom Papst eingesetzten Ludwig von Freiberg Partei.
[17] Landolt: Finanzhaushalt, S. 275.