Buchtipp: Peter Bierl – Unmenschlichkeit als Programm (2022)

Buchtipp: Peter Bierl - Unmenschlichkeit als Programm (2022)
Ein immens wichtiges Buch in Zeiten, die sich dadurch auszeichnen, dass drohenden Hungerkatastrophen mit einem schulterzuckenden "Überbevölkerung!" begegnet wird und keine Geburt von Menschen mit Behinderung ohne vorwurfsvolle Blicke einhergeht. Bierl ist ein linker Anti-Misanthrop, der kenntnisreich die Herkunft populärer ideologischer Verirrungen in Bereichen wie Bevölkerungspolitik, Pseudo-"Humanismus", Ökoesoterik und "Tierrechts"-Aktivismus aus dem Schlamm der völkischen "Lebensreform" skizziert und dabei schaurige Kontinuitäten nach 1945 aufzeigt. Für Kenner der Materie nichts Neues, doch als griffige Zusammenfassung äußerst wertvoll - das Buch sollte von möglichst vielen Menschen gelesen werden, das kann möglicherweise buchstäblich Leben retten.
Zwei kleine Kritikpunkte: Bierl beschäftigt sich fast ausschließlich mit einschlägigen Akteuren aus dem Westen, eine Betrachtung der Entwicklungen in der DDR wäre aber auch noch interessant gewesen (die Sowjetunion und China werden geradezu in Halbsätzen abgefrühstückt, dabei geht es laut Verlag ja explizit um linken Sozialdarwinismus) - egal, als Einstieg in die Thematik erfüllt das 364seitige Werk auch so allemal seinen Zweck. Der meinungsstarke Bierl bekennt sich im (die Ebene der reinen Kritik verlassenden) Epilog freilich geradezu versöhnlich zu grundsätzlichen Zielen eines "guten" Ökologismus, dabei einen erhobenen Zeigefinger gegen christliche "Fundamentalisten" und "Kreationisten" für nötig haltend, was nach all seinen treffenden Ausführungen zum völkisch-judenfeindlichen Antiklerikalismus etwas deplatziert erscheint und vielleicht einen grundsätzlichen Mangel rein materialistischer Ideologiekritik aufzeigt: Individualität und Personalität auch jenseits aller Metaphysik verteidigen zu wollen ist zwar aller Ehren wert, aber ob ihre Herleitung ausgerechnet aus evolutionär bedingten menschlichen Fähigkeiten widerspruchsfreier ist als der (vom Autor zuvor trefflich zerlegte) "evolutionäre Humanismus" mag der sich auf die reine Materie zurückgeworfen sehende Leser selbst entscheiden - dem christlichen stellt sich diese Frage zum Glück nicht.